Tentakel

Eine kalte, schleimige Tentakel klatscht auf meinen Unterarm und ich schlage laut nach Luft japsend die Augen auf!
Das Bild eines Ertrinkenden, der nur knapp dem Tod entkommend, die Wasseroberfläche durchbricht, schwappt durch meine Gedanken.
Aus Reflex betaste ich meinen Arm – weder Tentakel noch Schleim -, während das Echo eines blubbernden „Hil..Hiiilfee“-Schreis verhallt (als wäre noch jemand kurz davor zu ertrinken).
Erschrocken schaue ich mich in der Dunkelheit des Raums um. Graue Luftblasen steigen vor meinen geistigen Augen zur Zimmerdecke empor, doch physikalisch können sie nicht existieren, weswegen ich sie als Nachwirkungen des Albtraums abtue und zur Seite schiebe.
Mein Mund ist trocken, schmeckt fast wie nasser Sand und mein Herz klopft immer noch wild in meiner Brust.
Gedanken versunken reibe ich unentwegt über den Arm, doch das glitschige Gefühl bleibt, genauso wie der leicht algige Geruch in meiner Nase.
Ich schüttele den Kopf, schlage mit der flachen Hand gegen meine Stirn. Alles nur Einbildung aufgrund eines sehr realistischen Albtraums, dessen Effekt rasch verschwinden wird. Zur Beruhigung meiner Nerven schalte ich eine der Klemmlampen an, dann noch eine und als auch das nicht weiter beruhigend wirkt, drücke ich noch den An-Knopf meiner Videospiel-Konsole. Der Fernseher strahlt ein buntes Bild eines bekannten Jump-n-Run-Spiels aus.
Doch ich denke immer noch an diesen Traum. Er war schon sehr seltsam gewesen. Und wirklich sehr realistisch…
Soweit ich mich erinnern kann. Doch je mehr ich mich versuche zu erinnern, desto schneller werden die Szenen in meinem Kopf in dichten, weißen Nebel des Vergessens gehüllt. Einerseits beruhigt es mich. Anfangs zumindest. Bestätigt es doch die Theorie, dass alles nur vernachlässigbare Einbildung war und ich mir keine Sorgen zu machen brauche.
Sich keine Sorgen machen, ist sozusagen mein Mantra. Die Welt ist gut so wie sie ist. Und solange man lernte sie zu akzeptieren, konnte einem kein Unheil geschehen. Oder zumindest nichts unrechtes.
Doch eigentlich wusste ich, dass diese Weltsicht naiv war, schon bevor diese Hand plötzlich aus meinem Fußboden empor schnellte.

Ich weiche kreischend nach hinten, bis mein Rücken und Hinterkopf an die Steinwand schlägt. Ein dumpfer Schmerz durchzuckt meinen Körper.
(Wie eine Welle).
Ich blinzele den Schmerz weg.
Die Hand ist immer noch da, schnellt nach oben, strahlt Verzweiflung aus.
Mein Gehirn beginnt sie zu analysieren: Sieht jung aus, eine weibliche Hand mit langen, schmalen Fingern, deren Fleisch nur eine Nuance heller ist, als der Nebel. Gepflegte Fingernägel. Schmaler, aber dennoch massiv wirkender Ring am Ringfinger.
Ich sehe sie vor mir, als würde ich auf meinem Bett in einem Gewässer sitzen, das mir zur Brust reicht.
Natürlich kann ich nichts dergleichen spüren, demnach muss diese Hand ebenfalls eine Einbildung sein.
Ein gegurgelter Laut, der nur entfernt an das Wort „Hilfe“ erinnert, wird in meine Gehörgänge gespült und im Hintergrund meiner Phantasie zeichnen sich schemenhaft dunkel scharfkantige, riesenhafte Gebilde ab. Wie der schemenhafte Schatten einer Erinnerung an einen Traum.
Reflexartig greife ich sowohl in der Phantasie als auch in der physikalischen Welt nach der Hand, deren Finger sich mittlerweile in Klauenhaltung verkrampft haben. Der Gedanke: „Sie hat aufgegeben“ huscht durch mein Hirn und hechtet hinter eine der Ecken der futuristisch anmutenden Bauten, die immer mehr aus dem Nebel hervor
treten.
Wieder dieses kalte, nasse Gefühl auf dem Unterarm, doch diesmal nicht von einer Tentakel. Ihre Hand umklammert ihn. Ich starre sie an, kann mich nicht zu einer weiteren Aktion durchringen. Bin wie erstarrt.
Und plötzlich ein Ruck.
Sie zieht mich mit beachtend viel Kraft.
Ich verliere das Gleichgewicht und stürze hinab durch den Fußboden meiner Wohnung in tiefes, dunkles Wasser, mein Blick schnellt nach oben, ich sehe verschwommen mein Wohnzimmer und das Bild des Fernsehers verschwinden, falle durch einen Fischschwarm, der bunt schillernd erschrocken auseinander stobt. Die Sicht reicht gerade so weit, dass ich außer der Hand noch ihren Arm bis zur Schulter erkennen kann und schemenhaft im Wasser tanzendes dunkles Haar.
Der Geruch nach Algen und Muscheln ist hier so stark, dass er mir die Luft geraubt hätte, hätte ich diese nicht reflexartig angehalten. Dabei fällt mir nach ein paar Sekunden, in denen sie mich in eine von hohen, scharfkantigen Felsen und futuristisch anmutenden Bauten gesäumte Landschaft hinab zieht, auf, dass ich die Luft erst angehalten hatte, nachdem ich ins Wasser gestürzt war. Meine Lungen sollten also eher mit Wasser als mit Luft gefüllt sein. Und ohne Luft zu holen, sollte ich auch nichts riechen können, oder?
Folglich konnte all dies hier nicht real sein. Ich musste mich in Wirklichkeit immer noch auf meinem Bett oder wenigstens meiner Wohnung befinden.
Sie lässt mich los.
Ich gleite noch etwas in die Richtung, in die ich gezogen worden war und sinke dann langsam nach unten. Eine Welle streicht sanft über mein Gesicht und Oberkörper und erst jetzt bemerke ich, dass dieses Wesen, dass mich in die Traumwelt gezogen hat, gar keine Beine hat. Ihre schuppige, dunkelgrün schimmernde Schwanzflosse vollführt noch einen Schlag und ich schaue ihr nach, wie sie in Richtung eines der Gebäudes
davon schwimmt. Ein Gebäude, aus dem ein Lichtschein schimmert, als würde ein sterbender Stern in ihm pulsieren.
Er hypnotisiert mich, scheint mich zu rufen – in einem elektrisch, summendem Flüsterton.
Ich bin so fasziniert, dass ich vollkommen vergesse, wo ich bin, vergesse wie ich hier her gekommen bin, ja sogar vergesse, dass ich der Täuschung halber die Luft anhalten will und schwimme auf es zu.
Bunt, schillernde Korallen, Algen und mir unbekannte Pflanzen tanzen in dem unhör- aber spürbarem Rhythmus der Unterwasserwelt.
Mit jeder Muskelbewegung gleite ich weiter in das pulsierende Licht, fühle mich geborgen, zu Hause, willkommen.
Ich nehme kaum wahr, dass sie plötzlich wieder neben mir schwimmt, gefolgt von ein paar weiteren ihrer Art.
Doch ich spüre wie sich behutsam ihren Arm um meine Schultern legt, blicke zur Seite, sie strahlt mich an, als wäre dies der schönste Augenblick ihres Lebens.
Ich lächele. Auch ich bin voller Freude, frage mich, was mich in diesem vor gleißendem Licht pulsierendem Tempel erwarten wird. Spüre die Schwimmbewegungen ihrer Begleiterinnen. Jegliche Sorgen fallen von mir ab, wie alte Schuppen.
Wir schwimmen gemeinsam in das Licht. Mehr gibt es nicht für mich. Außer einem Gefühl von Geborgenheit und Glück, das jede Zelle meines Körper zu durchströmen scheint.
Dann wird ihre Umarmung plötzlich etwas fester und ich spüre wie sich ein Saugnapf auf meiner Haut festsetzt.
Erschrocken blicke ich zur Seite. Sie lächelt immer noch, doch ihr Lächeln verändert sich. Ihre Zähne erscheinen jetzt breiter, ja ihr ganzer Kiefer… Und ihre Augen… Oh, mein Gott, ihre Augen!
Sie quellen begierig aus ihren Höhlen. Ich schnappe nach Luft. Schlucke Wasser. Huste.
Sie lacht.
In Panik beginne ich um mich zu schlagen. Ihr Griff wird fester, gefolgt von vielen anderen.
Der Klang von schweren Maschinen dringt an mein Ohr. Kkttt, kkkkttt.
Das Lachen schallt jetzt in Wellen von allen Seiten auf mich ein. Ich versuche mich verzweifelt los zu reißen! Doch es hat keinen Sinn. Sie ziehen mich weiter hinab. Hinab in das pulsierende Licht.
Eine Art Gesang dringt an mein Ohr. Er scheint aus dem Tempel zu kommen: „Tuuuluu, tuuuluu“.
Das Geräusch vermischt sich mit dem, der Maschinen. Sie klingen dröhnender denn je: Keeetang, Kttt, Keeetang, Kkttt. Tuuuluu, Tuuuluu.
Ein letzter Schrei meinerseitseits, der ein paar Luftblasen, zur Oberfläche entfliehen lässt, dann ziehen sie mich in den Tempeleingang.
Das Licht… Todeslicht. Sein Licht. Sein Tempel.
Löscht alles aus. Meine Gefühle, meine Gedanken, mein ganzes Sein, das ich als „Ich“ bezeichnen würde.
Eine Schallwelle, die meinen Körper zum erbeben bringt und alles verschlingt.

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